Traffic, auch Verkehr genannt !!! „Der Verkehr nimmt immer mehr zu und so ist es heute normal, im Stau zu stehen – egal, ob auf der Autobahn oder auf den Gleisen im 300km/h schnellen ICE. Sogar der Luftraum wird immer voller und die Warteschleifen vor den großen Airports immer länger.“
Die Tour de France ist nicht nur das größte Radsportereignis, sie ist mit Abstand auch das größte rollende Sportgeschehen überhaupt. Es ist überwältigend, wie viele Kraftfahrzeuge, Lastwagen, Motorräder und Hubschrauber hier im Einsatz sind. Nicht nur jede Mannschaft hat einen unbeschreiblich großen „Fuhrpark“, nein auch der Tourtross ist wahnsinnig groß. Neben 300 Werbefahrzeugen, die uns auf jeder Etappe begleiten, 100 Polizeimotorrädern, 4 Hubschrauber für Fernsehen und Sicherheitsüberwachung sind auch noch wir mit 189 Rennfahrern und 21 Bekleidfahrzeugen für jedes Team vorhanden. Dazu kommen noch: die gesamte Tourorganisation wie Jury, Rennleiter, Streckensicherung, medizinische erste Hilfe und der Besenwagen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin hier beim größten Transportunternehmen der Welt angestellt und wir machen gerade einen riesigen Karnevalsumzug über 3600km quer durch Frankreich.
Allein der Zielaufbau besteht aus gut 12 Lastwagen und genauso viele sind im Startort der jeweiligen Etappe vorhanden. Dazu kommen unzählige Lastwagen, die Absperrgitter, Werbeplakate und vieles mehr transportieren. Wenn wir im Ziel sind und unser Arbeitstag vorbei ist, beginnt die Arbeit der Streckenbauer. Ja genau, während wir nach dem Rennen massiert werden oder zu Abend essen, sind diese Jungs und Mädels aufgestanden, sperren die neue Etappe ab und bereiten den Start- und Zielbereich neu vor. Schlaf finden sie dann, wenn wir das Rennen fahren. Von der Tour bekommen sie so nur wenig mit, obwohl sie ganz nah bei uns sind. Sie bestreiten ihre ganz eigene Tour de France, über ebenso 21 Etappen. Im Zeitalter der Fortbewegung scheint es selbstverständlich zu sein, schnell und entspannt an ein neues Reiseziel zu gelangen. So wird nicht nur die Etappe zur Anstrengung für uns, nein auch die Transfers sind zeit- und nervenraubend. Alles ist ständig und fortlaufend in Bewegung: unsere Räder, die Räder der Autos, die Räder auf den Autos...einfach alles.
Wie würde eine Tour ohne diese Möglichkeiten des Transports wohl aussehen? Müssten wir dann immer mit dem Rad nach der Etappe zu dem Hotel fahren, egal ob dieses 2km oder 40km weit weg ist? Wäre die gleiche Sicherheit gegeben, sowohl für uns Fahrer als auch für die Zuschauer? Ich denke NEIN, und deswegen hat Fortbewegung eine sehr große Bedeutung hier und überall.
Mein Fazit lautet an dieser Stelle: „Auch wenn wir mit 20kg Übergepäck auf Förderbändern durch Flughafenhallen transportiert werden, um pünktlich den Flug zu bekommen, weil man auf dem Weg zum Flughafen mit der Bahn und dem eigenen Auto 1h verloren hat, will doch niemand auf den Luxus Mobilität verzichten. Also rein ins Getümmel und weiter machen wie bisher. Am Ende findet man die beste Entspannung und Erholung eben doch in den eigenen vier Wänden, weil da nichts in Bewegung ist.“
In aller REGEL
Ohne Regeln geht nichts - auch im Sport. Somit haben wir auch im Radsport die schönsten und wichtigsten Grundsätze dieser Sportart zu einem Regelwerk, auch Reglement genannt, zusammengefasst bekommen, um es immer und jederzeit anzuwenden. Zunächst möchte ich behaupten, dass wohl alle Regeln ihren Sinn haben, nur nicht wirklich immer verständlich sind, vergleichbar mit einigen Gesetzen aus der Politik. Nun zurück zum Regelwerk des Radsports, denn schließlich möchte ich euch hierzu mal einige interessante Details näher bringen und erläutern. Eine der vielleicht bekanntesten Regeln ist für den Zuschauer wohl die, dass, wenn es heißt Siegerehrung, der Sieger auch erscheinen muss. Jedoch gibt es jede Menge Vorschriften, die so im TV kaum zu erkennen sind. Wenn wir aus dem Fahrzeug Verpflegung wollen, können wir dies erst ab 50 gefahrenen Kilometer tun und müssen diese Art der Nahrungsaufnahme 20km vor dem Ziel wieder beenden. Dazu gibt es jeden Tag einen Verpflegungspunkt auf der Strecke, wo wir Beutel mit Flaschen und Essen gereicht bekommen, was die meisten von euch sicher wissen.
Die Zeitregeln sind schon interessanter. So gibt es die 3000m - Regel, die bei ganz normalen Etappen (ausgenommen sind Einzelzeitfahren, Bergankünfte und das Mannschaftszeitfahren) angewendet wird. Passiert ein Sturz auf den letzten 3km oder man hat Defekt, dann bekommt man im Ziel die gleiche Zeit wie die Gruppe, in der man sich zuvor befunden hat. Eine eigene, nicht schriftliche Regel, bezogen auf die Zeit, ist die Zeit, die man mit dem Feld auf eine Spitzengruppe wieder schließen kann. Man rechnet hier mit 1min pro10 gefahrene Kilometer. Sollte natürlich ein Jens Voigt mit in der Ausreißergruppe dabei sein, dann kann man wohl eher mit 1min pro 15km rechnen. Wie heißt es so schön: "Keine Regel ohne Ausnahme." Ganz wichtig sind die Rechenspiele in den Bergen. Bei der Tour gibt es für jede Etappe eine Kategorie und je nach Kategorie gibt es ein Zeitschema.
Ein Einzelzeitfahren besitzt die Kategorie 5, in der man 25 Prozent Karenzzeit auf den Sieger hat. Das Zeitschema einer Bergetappe ist nach dem gefahrenen Schnitt des Siegers berechnet. Also sollte die Etappe langsam gefahren wurden sein, hat man weniger Karenzzeit als wenn sie sehr schnell gefahren wurde. Jeder gefahrene Durchschnitt wird durch eine Prozentzahl angegeben. Diese liegt dann zwischen 12% bis 21% oder mehr. So haben die Fahrer im Gruppetto auch noch die schöne Nebenbeschäftigung, sich die Karenzzeit auszurechnen, um am nächsten Tag wieder am Start stehen zu können. Soweit so gut, diese Regeln sind ja noch sehr angenehm.
Die neuen Regeln des Mannschaftszeitfahrens sind dagegen sehr durchwachsen. Es beginnt damit, dass die Mannschaften nicht die reale Fahrzeit im Ergebnis bekommen, mit Ausnahme der Siegermannschaft und der Mannschaften, die laut Zeittabelle Zeit verlieren würden. Hier ein kleines Beispiel: Sollten die Zweiten weniger Rückstand als 20 Sekunden zum Siegerteam haben, bekommen sie diesen Rückstand, verliert das Team mehr, dann bekommen sie die vorgeschriebenen 20 Sekunden. Dies gilt dann ebenso für alle folgenden Platzierungen. Der Dritte bekommt 30sek und so weiter... Im Ziel müssen mindestens 5 Fahrer ankommen, um als Team gewertet zu werden. All die, die Rückstand auf das eigene Team haben, bekommen in der Gesamtwertung die real gefahrene Zeit, also den reellen Rückstand zur Siegermannschaft, aufgebrummt. So erging es leider Beat und mir. Bei 200m vor dem Ziel war ich sogar noch in der führenden Position, aber im Ziel hatte ich wegen einem gerissenen Loch von Beat Zberg 2sek auf meine eigene Mannschaft verloren, was mir dann satte 2min07sek im Gesamtergebnis gekostet hat, 2min05 auf das Siegerteam plus die 2sek. Für mich ist das egal, da ich nicht in Minuten rechnen muss, sondern in Stunden. Aber dennoch hat man alles für sein Team gegeben und nie eine Führung ausgelassen und im Ziel dann das.
Vielleicht sollte man da mal überlegen, ob ein Mannschaftszeitfahren mit diesen Regeln noch sehr viel Sinn macht. Geht es da überhaupt noch um das Team und die Leistungsträger einer solchen Disziplin?!? Regeln wie nicht am Auto festhalten sind wohl weit bekannt, aber werden nicht immer eingehalten und kosten dann Strafen, die das gesamte Team bekommt. Es gibt auch für das Einschreiben vor dem Start eine zeitliche Frist. Hat man sich bis dahin nicht in der Startliste verewigt bekommt man eine Verwarnung oder Strafe.
Wie man sieht, wird eben alles geregelt, manches von selbst, manches ungewollt, oder gewollt und vieles bewusst. Um nicht auszuschweifen belasse ich es bei diesen Beispielen. Ich würde sagen, Regeln sollten sein, aber auch Sinn ergeben und da sie sich sichtbar Mühe geben, geht das alles in Ordnung und ich nehme diese Zeit auf mich, wie jemand, der weiß, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Ich denke, nun habt ihr mal sehen können, dass es mehr gibt als nur einfach zu radeln, sondern das man auch wissen muss, was man darf und was nicht. Auch wir haben Hausaufgaben zu erledigen, jeden Tag und in aller Regel.
Gefühle und Emotionen
Mit dem Zielort in Karlsruhe und Startort in Pforzheim waren wir für einen Tag der Heimat ganz nah. Für jeden deutschen Fahrer hier im Feld war es ein besonderes Erlebnis, diese atemberaubende Kulisse miterleben zu dürfen. So viele Menschen habe ich live vor Ort bei der Tour noch nicht gesehen. Letztes Jahr waren die Berge überfüllt, aber darauf konnte man sich einstellen, weil man diese Situationen schon immer im Fernseher gesehen hat. Doch dass eine flache Strecke, die breite Bundesstraße nach Karlsruhe, zu einem Spalier wird, damit hat keiner gerechnet. Es war unbeschreiblich, ich hatte Gänsehaut auf den Armen und Beinen, obwohl mir bei 60km/h doch recht warm war. Die Städte haben sich von ihrer besten Seite gezeigt und der Tour wohl jetzt schon gut getan. Fabian hat ja aus unserer Sicht einen Heldenritt hinter sich und konnte so für einen Tag das Bergtrikot tragen. Auch wenn er es nicht, wie beim Giro im letzten Jahr in Mailand, hier dann in Paris tragen wird, war es ein starker Auftritt.
Alle aus der Mannschaft zogen an einem Strang und der ging bis Karlsruhe und nun immer weiter in Richtung Paris. Für mich war es ein tolles Erlebnis, vor einer solchen Kulisse Rennen zu fahren und das Gefühl zu haben, ich stehe in der Allianz Arena von Bayern München und 400.000 Zuschauer jubeln mir zu. Dass alles seine Ordnung findet bei solchen Menschenmassen, ist ebenso bewundernswert. Die Sicherheit war voll gegeben, auch wenn einige der Zuschauer immer noch auf der Straße stehen und es sehr knapp zugeht. Stürze sind hier an der Tagesordnung, denn ein Touretappensieg ist heiß begehrt. Da nun die erste Woche vorbei ist, ist der ein oder andere auch mal etwas durcheinander.
So wollte sich Georg Totschnig mit dem Rad von Fabian Wegmann vor dem Mannschaftszeitfahren warm fahren und Robert Förster hat so eben mal die Rennschuhe von Beat Zberg angezogen. Wie ihr seht geht bei einem solchen Gefühlschaos auch mal was drunter und drüber. Es herrscht dennoch jeden Tag Anspannung und die letzten zwei Etappen haben uns richtig viel abverlangt. Eine konzentrierte Fahrweise im Rennen ist sehr wichtig, um einen Sturz oder ähnliche Situationen zu vermeiden. So werden nicht nur die Beine von Tag zu Tag leerer, nein auch der Kopf wird immer leerer. Zum Glück habe ich da die Möglichkeit bekommen, Freunde und meine Freundin in Karlsruhe zu sehen und nun auch meine Eltern. Das hat viel Kraft gegeben und war wirklich sehr schön. Heute ist der Ruhetag, an dem wir unseren Akku mal ein wenig aufladen können. Leider haben wir uns auf das Ausschlafen zu früh gefreut, denn die Blutkontrolle ist heute morgen gekommen, um uns zu testen.
Auch an dieser Stelle seht ihr wieder, dass nicht nur Rad gefahren wird, sondern es immer auch ein Davor und Danach gibt. Nun bleiben mir die schönen Momente in Erinnerung und sollen mich auf den noch langen Weg in Richtung Paris tragen und Kraft geben. Mein Speicher ist mit Gefühlen und Emotionen geladen, die nach und nach aufgebrauchtt werden. Bis dahin verbleibe ich mit einem schönen Gruß und wünsche euch weiterhin viel Spaß bei den Leiden der Tour am Fernseher. Euer Seppel Zwischen Himmel und Hölle
Das Leiden nimmt kein Ende und manchmal frage ich mich: Warum nur tu ich mir das an? All das Leiden, die Muskelschmerzen von Tag zu Tag, das Brennen in den Beinen, die Hitze auf den Armen und das Anschwellen der Füße von Berg zu Berg. Ja, dann frage ich mich schon ab und zu, was das hier soll, was doch daran so besonders ist?!? Ganz klar, es ist der Reiz, immer wieder seinen eigenen Schweinehund zu bezwingen. Denn wenn man eine Etappe hinter sich hat und fast am Äußersten der Schmerzgrenze gefahren ist, so fühlt man sich danach fast wie neu geboren. Man schläft wie ein kleines Kind, welches zuviel gespielt und getobt hat.
Und noch etwas ist so wundervoll an der Tour: Ein Sieg, nur ein einziger Sieg!!! "Jetzt fahre ich die Tour zum siebten Mal und nur ein einziges Mal ein Sieg, das wäre es." So sagte es Georg Totschnig noch im Bus vor seiner langen, aber siegreichen, Flucht. Wir haben alle gejubelt und uns so sehr für ihn gefreut, für einen Menschen der als Bindeglied zwischen uns jungen Rennfahrern und der Teamleitung fungiert. Jemand, der als Kapitän da ist, wenn man ihn braucht, einfach ein Champion zum Anfassen. Die letzten Kilometer zur Bergankunft, die unser "Schurli" gewonnen hat, haben allen so viel Freude bereitet, dass man fast schon die Schmerzen vergessen hat. Das war wie im Himmel, ein Sieg bei der Tour für unser Team und vor allem für Georg, einfach nur Weltspitze.
Der Trubel im Hotel am Abend war natürlich vorhersehbar....und für jeden vorstellbar.
Inzwischen haben wir bereits erneut soviel zurück gelassen, dass man es kaum noch glauben kann. Die vielen Transfers nach den Etappen lassen die Zeit nur so dahinschmelzen. Der Tag ist rum, ehe er richtig begonnen hat. So ist die Zeit wirklich sehr knapp hier und immer herrscht Anspannung. Momente, wie die Demonstration auf der ersten Etappe nach dem Ruhetag in Grenobel, sind schon wieder fast vergessen. Hier wurde demonstriert wegen den Wölfen, die die Schafe und Rinder der Bauern reißen und diese die Wölfe wiederum nicht jagen dürfen. Auch so was gehört mittlerweile zur Tour.
Neben den Qualen, die wir hier alle erleiden, ist es jedoch immer wieder schön seinen Namen am Berg zu hören und vielleicht das ein oder andere bekannte Gesicht zu sehen. Danke für eure Unterstützung und euren Jubel, der mich und die anderen Rennfahrer immer weiter vorantreibt. Göttlich ist nach einer harten Etappe aber auch das Buffet. Wir haben unseren eigenen Koch mit sowie einen Aufpasser, der Christian (unseren Koch) schützt, falls mal der eigentliche Hotelkoch die Nase voll hat, weil ein anderer da in seinem Revier anpackt. Im Ernst, bei dem, was wir am Tag verbrauchen, ist das Essen sehr wichtig. Das mit den Nudeln zum Frühstück stimmt schon und ist kein Scherz. Manche essen etwas Brot, etwas Müsli und Reis oder Nudeln. Ein ganz normaler Mensch sagt jetzt, das geht doch gar nicht, aber ich sage: Es geht doch. Natürlich essen wir nur soviel, wenn die Etappen auch sehr lang sind, ab 190 oder 200 Kilometern. Sonst lässt man die Nudeln oder den Reis eben weg. Nach dem Rennen gibt es, je nach Tag und Lust unserer Köche, Obstsalat, Reis, Kartoffeln, Schinken, Müsli, Eiweißgetränke oder etwas anderes. Das ändert sich stets und garantiert so eine gelungene Abwechslung. Abends, wenn es der Hotelkoch zulässt, gibt's neben Gemüse und Salat, Nudeln, Nudeln, Nudeln…. und Fleisch. Dank Georgs Sieg gab es sogar für uns alle einen extra zubereiteten, original österreichischen, Kaiserschmarrn. DANKE, das war lecker und hat neue Power für einen weiteren harten Arbeitstag gegeben!
Nun steht der letzte Ruhetag bevor und dann geht's zurück in die Hölle für, sagen wir, 5 Tage, bevor am sechsten der Himmel am Horizont erscheint und in Paris das Finale stattfindet. Drückt mir die Daumen, denn die nächsten Tage werden abermals hart.
Somit heißt es noch einmal: "Zwischen Himmel und Hölle", mit schönen Erlebnissen und vielen Fragen an sich selbst. |
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